„Tatort Frauenfeld“

Mit diesem Text habe ich im Krimi-Wettbewerb als Preis eine Publikation im Sammelband der Frauenfelder Krimi-Tage gewonnen:

„Big Apple“ in Mostindien

Es roch nach Scheibenwischerflüssigkeit und neuem Leder. Zum wievielten Mal sie wieder erwachte, wusste sie längst nicht mehr. Aber die schreckliche Realität war immer noch dieselbe. Sie lag gefesselt und geknebelt im engen Kofferraum eines Autos – ihres Autos. Das breite Klebeband, mit welchem ihr ganzer Körper eng umwickelt, Augen, Mund und Ohren zugeklebt waren, hatte dieselbe Farbe wie ihr Cabrio – silbergrau. Für sie hätte es momentan kaum einen unwichtigeren Umstand als diesen geben können, denn sie nahm nur noch ihren eigenen Körper und ihre Gedanken wahr. Ihr war kalt und sie hatte Angst.

Als Fahnder beim KTD, dem Kriminaltechnischen Dienst, war Haberthür von seinen Kolleginnen und Kollegen der Kripo Frauenfeld gut aufgenommen worden. Einzig die momentane Zeit hier war äusserst gewöhnungsbedürftig für ihn, den gebürtigen Basler – Fasnachtszeit! Einem etwas speziellen Unterschied zwischen dem Treiben in seinem Geburtsort und in der Wahlheimat, konnte er noch eine gewisse ironische Note abgewinnen. In Basel zieht man sich für die Fasnacht besonders viel an und hier im Thurgau ziehen sich besonders Viele dafür aus. Fertig lustig! „Nächster Halt auf Verlangen – Frauenfeld-Marktplatz“, erinnerte ihn die digitalisierte, männliche Lautsprecher-stimme der Frauenfeld-Wil-Bahn mit dem leichten Thurgauer Akzent jeden Morgen an etwa derselben Stelle. Der Blick auf den silberfarbenen Luxuswagen holte Haberthür aus seinen Gedanken zurück. Das Cabrio stand schon länger dort, alleine am Ende des Parkplatzes der „Big Apple“-Kontakt-Bar. Vielleicht zwei-, dreihundert Meter vom Frauenfelder Ortseingangsschild entfernt. Irgendetwas machte den erfahrenen Kripo-Beamten heute jedoch misstrauisch. Er hatte diesen Sinn für das, was irgendwie nicht ins Bild passte. Intuition sagt man gemeinhin und mit den mittlerweile 30 Jahren in diesem Beruf, konnte der Kommissär auf seinen sechsten Sinn vertrauen. Etwas schien da nicht zu stimmen und das weckte den Kriminalisten im Pendler bereits auf seinem Arbeitsweg. Seit Anfang Jahr war er bei der Kripo am Frauenfelder Marktplatz. Haberthür war gut im Beruf, aber nicht besonders karrierebewusst. Er war ein grosser Verfechter des Peter-Prinzips, wonach jeder früher oder später in die jeweils eigene Unfähigkeit hochbefördert wird. Das sollte ihm nicht passieren, deshalb kam ihm die Stelle im Thurgauer Hauptort gerade recht. Seine Eltern waren vor Jahren gestorben und zu den Halbgeschwistern hatte er seit den unschönen Erbstreitigkeiten den Kontakt abgebrochen. Die Familie seiner Frau hatte ihn schon bei der Heirat vor 35 Jahren herzlich aufgenommen. Nun wohnten sie seit Januar mit den beiden jüngsten Söhnen, die in Winterthur und Zürich studieren, im für die betagten Schwiegereltern zu gross gewordenen Haus in Matzingen. Die beiden hatten sich schon vor längerer Zeit ein schönes Dreieinhalbzimmer-Appartement im Tertianum Friedau ausgesucht. Er würde es eines Tages ebenso machen, wie seine Schwiegereltern. Gerne ging er über Mittag oder nach Feierabend noch auf einen Sprung bei ihnen vorbei.

Elena war gut im Geschäft, eine der gefragtesten in der „Big Apple“-Kontakt-Bar. Sie hatte ein Faible für schöne Autos. Nun war sie ausgerechnet im Kofferraum ihres eigenen, neuen Porsche Carrera Cabrio eingesperrt. Wäre sie, die gelernte Service-Angestellte mit osteuropäischen Wurzeln, vielleicht besser in einem der vielen „Bären“, „Leuen“ oder „Sternen“ geblieben, statt sich vor ein paar Jahren als Escort-Dame selbständig zu machen? Sie konnte den Gedanken nicht weiterdenken, denn wegen des mangelnden Sauerstoffs im Kofferraum ihres Cabrios, verlor sie einmal mehr das Bewusstsein an diesem eisig kalten Fasnachtsmorgen anfangs Februar.

Haberthür überlegte, während der wenigen Schritte auf dem Weg von der Haltestelle in sein Büro, was ihn denn an der Situation mit dem Auto auf dem Parkplatz störte. Es war wohl kaum der Umstand, dass ein Luxuscabrio in der Nähe eines Bordells parkiert war. Nun ja, „Big Apple“-Kontakt-Bar klingt womöglich etwas weniger verfänglich, dachte sich der 57-jährige Zugewanderte. Ob die hier in Mostindien wohl wissen, was mit „Big Apple“ gemeint ist?

Elena war wieder wach und sie spürte ihr Zittern, eine Mischung aus Kälte und Angst, wieder stark. Noch zwei, drei Jahre und dann würde sie aus diesem Business aussteigen, ihre Eigentumswohnung geniessen und von den Zinsen ihres bereits jetzt beträchtlichen Vermögens leben können. Sie wollte im Hier und Heute leben. Sie wusste, es konnte schneller vorbei sein als einem lieb war. Und genau an diesem Punkt war sie nun selber. Sie spürte die Kälte kaum noch, die Angst umso mehr.

Haberthür besuchte nach dem Feierabend seine Schwiegereltern und sie hatten einmal mehr eine schöne Zeit zusammen. Er war der Sohn, den sie nie hatten und für ihn waren die beiden weit über Achtzigjährigen so, wie er sich Eltern im Alter immer gewünscht hatte. Glückliche und bewusste Menschen, die sich das wünschen, was sie haben.

Beim Blick aus dem Fenster der Frauenfeld-Wil-Bahn, während der abendlichen Heimfahrt, vorbei am Cabrio am Ende des Parkplatzes der fasnächtlich dekorierten „Big Apple“-Kontakt-Bar, kurz vor dem Frauenfelder Ortseingangsschild, wusste er plötzlich, was ihn am Auto gestört hatte. Die Front- und Seitenscheiben waren mit einer sanften Eisschicht bedeckt. Das Rückfenster des Cabriodaches hingegen war eisfrei. Wie wenn etwas diesen Bereich des Fahrzeuges leicht aufgewärmt hätte. Per Handy liess er die Verkehrspatrouille auf dem Weg zurück auf den Posten noch einen Kontrollblick in den Porsche Carrera werfen. Für Elena war es zu spät. Todesursache: Sauerstoffmangel und Unterkühlung.

Die „Blick“-Schlagzeile am nächsten Tag: „Mord im Fasnachts-Puff“. Seit fünf Wochen arbeitete Haberthür jetzt hier und es sollte sein erster Mordfall in Frauenfeld werden. Auf dem silberfarbenen Klebeband fanden sich reichlich Spuren für den Kriminaltechnischen Dienst. Das war sein beruflicher Einstand und der Basler fühlte sich schon etwas mehr zuhause in der neuen Heimat. Haberthür würde diesen Fall lösen, daran bestand für ihn kein Zweifel. Vielleicht auch ein ganz klein wenig deswegen, weil am Rückspiegel von Elenas neuem Cabrio ein kleiner handgestrickter Basler-Waggis baumelte.

 

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